Spielen Plus: Wie spielbasiertes Lernen im Zyklus 1 gelingt
Spiel als natürlicher Lernmotor
Für Kinder im Alter von vier bis acht Jahren ist Spielen die liebste und wichtigste Beschäftigung – und zugleich der zentrale Lernmodus. Wie die Pädagogische Hochschule Zürich (PHZH) betont, lernen Kinder, indem sie selbst wirksam werden, erproben, experimentieren und mit anderen interagieren. Diese intrinsische Motivation bildet die Grundlage für die Kompetenzorientierung im Lehrplan 21.
Mit zunehmendem Alter verschiebt sich das Lernen vom beiläufigen, selbstaktiven Erleben hin zu bewussterem, abstrakterem Denken. Doch auch für die ersten Schuljahre bleibt das Spiel essenziell, um überfachliche Kompetenzen wie Kommunikation, Kooperation und Kreativität zu entwickeln.
Die Entwicklung der Spielformen
Die Spielentwicklung verläuft in charakteristischen Stufen, die vom Funktionsspiel bis zum Regelspiel reichen:
- Funktions- oder Explorationspiel: Die früheste Form, bei der Kinder mit Materialien wie Sand, Wasser oder Papier experimentieren und ihre motorischen Fähigkeiten erweitern.
- Symbolspiel: Gegenstände werden umfunktioniert – ein Holzstock wird zum Zauberstab, eine Kartonschachtel zum Auto.
- Rollenspiel: Kinder versetzen sich in verschiedene Rollen, nehmen andere Perspektiven wahr und lernen soziale Interaktion.
- Konstruktionsspiel: Mit Rohmaterialien und Werkzeugen werden geplante Gebilde geschaffen, was räumliches Denken und Durchhaltevermögen fördert.
- Regelspiele: Spiel mit festen Regeln, das bewusstes Lernen und strategisches Denken erfordert.
Oft sind mehrere Spielformen parallel sichtbar. Ein vielfältiges Spielangebot auf allen Entwicklungsebenen ist besonders wichtig angesichts der zunehmenden Heterogenität in heutigen Schulklassen.
Das Projekt «Spielen Plus»
Unter der Leitung der PH Zürich und in Kooperation mit dem Volksschulamt des Kantons Zürich entstand zwischen 2019 und 2022 das Projekt «Spielen Plus». Unterstützt durch den Lotteriefonds des Kantons Zürich verfolgt es das Ziel, Lehrpersonen, Betreuungspersonal und Eltern bei der Gestaltung altersgerechter Spiel- und Lernräume zu unterstützen.
Materialien und Angebote
Das Projekt stellt verschiedene Ressourcen bereit:
- Handbuch: «Spielen Plus: Ein Handbuch für Kindergarten, Schule und Betreuung» (hep Verlag) verknüpft Theorie mit Anwendung und Reflexion.
- Website: Auf spielenplus.ch finden sich Erklärvideos, Filme für Eltern in 13 Sprachen sowie Unterrichtsbeispiele.
- 8-Schritt-Modell: Unter 8-schritt-modell.ch bietet die PH Zürich eine Planungshilfe zur kompetenzorientierten Umsetzung von Spielanlässen.
- Weiterbildung: Der CAS «Spielen Plus» professionalisiert Elementarpädagog*innen in der spielbasierten Bildung.
Die Krise des Spiels bei der Generation Alpha
Trotz der pädagogischen Bedeutung des Spiels zeigen Studien alarmierende Tendenzen. Eine Befragung des Instituts für Generationenforschung ergab, dass 56 Prozent der 4- bis 5-Jährigen und 37 Prozent der 6- bis 7-Jährigen kein altersentsprechendes vertieftes Spielen aufweisen. Eine qualitative Studie der PH Zürich bestätigt: 57 Prozent der Kinder zwischen vier und acht Jahren zeigen keine altersgerechte Spielentwicklung, 73 Prozent der Kindergartenkinder fallen im sozialen Bereich auf.
Ursachen der Spielarmut
Als Gründe gelten ein durchgetakteter Alltag mit bis zu fünf ausserschulischen Aktivitäten, zunehmende Überbehütung («Manche Kinder hatten noch nie ein Messer in der Hand») sowie der Ersatz analogen Spielens durch digitale Gadgets. Vorgefertigtes Spielzeug und professionell organisierte Geburtstagsfeiern ersetzen zunehmend das freie, selbstbestimmte Spiel.
Folgen für den Unterricht
Lehrpersonen beobachten, dass viele Kinder beim Schuleintritt noch wie Zweijährige spielen – sie sortieren und räumen aus, statt komplexe Rollen- oder Konstruktionsspiele zu entwickeln. Diese fehlenden Erfahrungen führen zu Passivität und geringer Frustrationstoleranz.
Praxis: Spielend lernen im Klassenzimmer
Das «Spielen Plus»-Konzept setzt auf fliessende Übergänge zwischen Arbeit und Spiel. Anstelle starrer Frontalsituationen bieten offene Aufgabenstellungen und Projektwerkstätten Kindern Raum für selbstbestimmtes Entdecken.
Die Rolle der Lehrperson
Die Haltung der erwachsenen Begleitperson ist entscheidend. Wichtige Fragen sind: Werden die Bedürfnisse der Kinder wahrgenommen? Entsteht ein förderliches Zusammenwirken zwischen Peers und Erwachsenen? Eine zurückhaltende, aber professionelle Begleitung reichert das Spiel mit Impulsen an, ohne die Selbstständigkeit der Kinder zu beschneiden.
Konkrete Beispiele
Aus der Praxis lassen sich vielfältige Umsetzungen finden:
- Anlaute üben: Im Zweierteam zeichnet ein Kind ein Bild zum Anlaut (z.B. Affe), während das andere raten muss.
- Bewegungs-Memory: Kinder erfinden und merken sich Bewegungen, die dann in Paaren gefunden werden müssen.
- Projektarbeit: Bau von Forscherhütten oder Vogelhäusern mit echtem Werkzeug und Materialien, bei dem Kinder selbstständig planen und umsetzen.
Diese Settings ermöglichen es, fachliche Inhalte wie Sprache oder Mathematik in alltagsnahe, bedeutsame Kontexte zu betten.
Fazit: Mehr Zeit und Raum für das Spiel
Spielen ist keine bloße Freizeitbeschäftigung, sondern der «Alleskönner» der kindlichen Entwicklung. Für die Generation Alpha, die zwischen 2010 und 2025 geboren wurde, ist die Rückgewinnung von Spielräumen entscheidend. Eltern und Lehrpersonen sind aufgerufen, Kindern Zeit zu lassen, auch wenn es einmal langweilig ist, und analogen Spielmaterialien sowie freiem Bewegungsspiel Priorität einzuräumen. Das «Spielen Plus»-Projekt liefert dafür wissenschaftlich fundierte Werkzeuge und Praxisbeispiele, um das Spiel wieder in den Mittelpunkt des Lernens im Zyklus 1 zu rücken.