Mit Life Skills für die Zukunft gewappnet: Von der Theorie zur Praxis in Schule und Familie

Life Skills als Zukunftskompetenz

Gut zwei Drittel der heute eingeschulten Kinder werden voraussichtlich später Berufe ausüben, die zum jetzigen Zeitpunkt noch gar nicht existieren. Davon gehen Experten des Weltwirtschaftsforums aus. Wer im sich ständig wandelnden Arbeitsmarkt Erfolg haben will, braucht deshalb Kompetenzen wie analytisches und kritisches Denken, Empathie, Verantwortungsbewusstsein, Offenheit, Kreativität und Kooperationsfähigkeit. Die Förderung solcher Lebenskompetenzen, häufig auch Life Skills genannt, ist daher ein vielschichtiges Anliegen geworden.

Mit Life Skills für die Zukunft gewappnet: Von der Theorie zur Praxis in Schule und Familie
© Sharkey134~enwiki (CC BY-SA 4.0)

Die WHO-Definition und ihre Erweiterung

Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat bereits 1997 ein Konzept der Life Skills formuliert, das zehn zentrale Lebenskompetenzen definiert: Beziehungsfähigkeit, Selbstwahrnehmung, Problemlösefertigkeit, kritisches Denken, die Fähigkeit zur Entscheidungsfindung, Kreativität, Empathie, Kommunikationsfähigkeit sowie die Fähigkeit zur Gefühls- und Stressbewältigung. Die WHO beschreibt diese als elementare Fähigkeiten, die es Menschen ermöglichen, ihr Leben zu steuern, mit Veränderungen zu leben und selbst Veränderungen zu bewirken.

In Anlehnung an die WHO teilt die PH Zürich die Life Skills in drei Gruppen auf. Die erste Gruppe umfasst Skills zur Selbstregulation wie das eigene Selbstkonzept, die Emotions- und Stressregulation sowie Handlungsplanung. Die zweite Gruppe betrifft die Beziehungsgestaltung durch Kommunikation, Empathie, Kooperation und Selbstbehauptung. Die dritte Gruppe beinhaltet unter dem Überbegriff Informationsgewinnung, -bewertung und Entscheidungsfindung unter anderem kritisches und kreatives Denken.

Verankerung im schulischen Kontext

Im Schweizer Lehrplan 21 spielen fächerübergreifende Kompetenzen eine wichtige Rolle. Der Grundlagenbericht bezeichnet überfachliche Kompetenzen als für eine erfolgreiche Lebensbewältigung zentral und nennt Selbstreflexion, Eigenständigkeit, Beziehungs-, Konflikt- und Kommunikationsfähigkeit. Der Lehrplan sieht vor, nicht nur Sachkompetenzen, sondern auch Selbst- und Sozialkompetenzen der Schülerinnen und Schüler zu bewerten.

Bereits Kleinkinder eignen sich Lebenskompetenzen an: im familiären Umfeld, in der Kinderbetreuung oder auf dem Spielplatz. Mit der Einschulung werden diese durch Lehrpersonen, Schulsozialarbeiterinnen und im Klassenverband erweitert. Auch Sport- und Musikvereine sowie später Peergroups und soziale Medien beeinflussen die Entwicklung der Life Skills maßgeblich.

Transformative Lernprozesse

Die Aneignung von Lebenskompetenzen erfolgt oft durch transformative Lernprozesse. Die subjektwissenschaftliche Lerntheorie des Psychologen Klaus Holzkamp stellt die subjektiven Begründungen der Lernenden in den Mittelpunkt. Lernen wird ausgelöst, wenn eine Diskrepanz zwischen Handlungsintentionen und deren Umsetzungsmöglichkeiten entsteht. Holzkamp unterscheidet zwischen defensivem Lernen, das zur Vermeidung persönlicher Nachteile dient, und expansivem Lernen, das aus individuellen Interessen und dem Drang nach Wissen erwächst.

Der US-amerikanische Erwachsenenbildner Jack Mezirow entwickelte die Theorie des transformativen Lernens, die Lernergebnisse stärker in den Fokus rückt. Mezirow beschreibt idealtypisch zehn Phasen, beginnend mit einem desorientierenden Dilemma über Selbsthinterfragung, kritische Reflexion der eigenen Annahmen bis hin zur Reinterpretation des eigenen Lebens auf Grundlage neuer Perspektiven. Transformatives Lernen führt zu autonomem, kritischem Denken und kann durch Begegnung und Dialog in Bildungsveranstaltungen gefördert werden, wie Studien zur Bildungsfreistellung zeigen.

Positive Bildung und Wohlbefinden

Das Konzept der Positiven Bildung verbindet schulische Leistung mit dem Wohlbefinden der Lernenden. Nach Martin Seligman und Christopher Peterson basiert Positive Bildung auf zwei Kernelementen: Charakterstärken und Wohlbefinden. Es wurden 24 Charakterstärken wie Neugier, Hoffnung, Ausdauer und Selbstregulation definiert, die in jeder Person existieren und durch Übungen entwickelt werden können.

Das Wohlbefinden wird durch das PERMA-Modell beschrieben: Positive Emotion, Engagement, positive Relationships (Beziehungen), Meaning (Sinn) und Accomplishment (Zielerreichung). Studien zeigen, dass Schülerinnen und Schüler mit besserem Wohlbefinden bessere Noten erzielen und weniger Fehlzeiten haben. Für die Umsetzung in Schulen wird ein vierstufiges Modell empfohlen: Sensibilisierung der Lehrpersonen, Vermittlung der Konzepte an die Lernenden, ganzheitliche Umsetzung im Unterricht und Verankerung in der Schulkultur.

Anschluss an internationale Bildungsziele

Die positive Bildung lässt sich mit dem OECD-Lernkompass 2030 verknüpfen, der die Entwicklung von Identität, Handlungsfähigkeit und Sinnhaftigkeit betont. Auch im Kontext von Lernen 4.0 und Bildung für nachhaltige Entwicklung bieten Charakterstärken und das PERMA-Modell einen wertvollen Rahmen für die Gestaltung von Unterricht.

Emotionale Intelligenz im Alltag

Ein wesentlicher Bestandteil der Life Skills ist die emotionale Intelligenz. Kinderpsychologin Kelsey Mora hat identifiziert, dass emotional intelligente Kinder bestimmte Sätze häufiger verwenden. Dazu gehören: Es ist okay, traurig zu sein; Ich brauche etwas Freiraum; Geht es dir gut?; Ich mag nicht …; Ich habe einen Fehler gemacht; und Ich habe eine Idee.

Diese Äußerungen zeugen von Selbstwahrnehmung, der Fähigkeit zur Selbstregulation, Empathie für andere, der Kommunikation von Grenzen, der Bereitschaft zu lernen und dem Selbstvertrauen, Probleme kreativ zu lösen. Eltern können diese Fähigkeiten durch Vorbildverhalten und das Anbieten von Rückhalt fördern, ohne den Fokus übermäßig auf Leistung zu legen.

Internationale Projektpraxis

Das Zentrum für Unterricht und transkulturelles Lernen an der PH Zürich setzt Life Skills in verschiedenen internationalen Projekten um. Im Rahmen von JOBS Moldova entstand für das Schulfach Personal Development eine zwölfbändige Lehrmittelreihe für die erste bis zwölfte Schulstufe in Englisch, Rumänisch und Russisch, die gezielt Life Skills im Zusammenhang mit Berufswahlorientierung fördert.

Das Projekt Play and Life Skills in Serbien und Nordmazedonien betont die Bedeutung des freien Spiels für den Erwerb fachlicher und überfachlicher Kompetenzen bei Kindern von vier bis acht Jahren. Das Projekt CORE richtet sich an Geflüchtete in Camps in Griechenland, Libanon und Italien und bietet digitale Lehrmittel in mehreren Sprachen, die digitales Lernen mit kooperativen Lernformen verbinden, um Selbstbewusstsein und berufliche Perspektiven zu stärken.

Medienbasierte Ansätze

Zur Förderung von Life Skills eignen sich auch Medienprojekte. Das Lehrmittel FACE der PH Zürich enthält das Projekt My Skill Star, bei dem Kinder ein Selbstporträt mit ihren Fähigkeiten visualisieren. Ein weiteres Projekt besteht darin, Porträtbilder mit dem Satz Ich finde mich gut, weil … zu beschriften, um das Selbstbewusstsein zu stärken.

Unterstützung durch Eltern und Lehrpersonen

Die Förderung von Life Skills gelingt am besten, wenn Schule und Elternhaus zusammenwirken. Experten empfehlen, zu Hause keinen zusätzlichen Leistungsdruck aufzubauen und den Begriff Lernen möglichst positiv oder spielerisch zu besetzen. Wichtig ist die Schaffung einer entspannten Atmosphäre, in der Fehler als Lernchancen verstanden werden und die emotionale Beziehung im Vordergrund steht.

Praktische Tipps und Ressourcen

Eltern sollten ihren Kindern als Ansprechpartner zur Verfügung stehen, Rückhalt geben und für den Lernweg loben, unabhängig von Noten. Bei schlechten Noten empfiehlt sich eine gelassene Haltung; gemeinsam sollten punktuelle Defizite analysiert und gegebenenfalls externe Hilfe geholt werden. Die Wahl der Schule sollte unter Berücksichtigung individueller Förderangebote erfolgen.

Für konkrete Unterstützung stehen verschiedene Ressourcen zur Verfügung. Die PH Zürich bietet ein Dossier Gesundheitsförderung und Prävention mit Planungshilfen an. Das Portal mit-kindern-lernen.ch stellt kostenlose Online-Kurse für Eltern bereit. Für die Schulwahl bietet sich die Checkliste zur Schulwahl an. Weiterführende Materialien finden sich im Projekt JOBS Moldova, beim Podcast Resonanzraum Bildung sowie auf der Plattform Wie geht's dir?.